WENN DAS LICHT SICHTBAR WIRD.
Licht zu fotografieren klingt zunächst einfach. Tatsächlich gehört die professionelle Fotografie von Lichtkonzepten für mich zu den anspruchsvolleren Bereichen der Architektur- und Unternehmensfotografie.
Über mehrere Jahre habe ich für das Lichtplanungsbüro Studio DL Projekte in Deutschland und den Niederlanden fotografiert. Plätze, Gebäude, öffentliche Räume, Innenräume und Lichtinstallationen mussten dabei so aufgenommen werden, dass nicht nur Architektur sichtbar wird, sondern vor allem das, was Studio DL gestaltet hatte: die Wirkung des Lichts. Der entscheidende Zeitraum dafür war häufig nur wenige Minuten lang. Die blaue Stunde.
EIN KURZES ZEITFENSTER
ZWISCHEN TAG UND NACHT.
Die blaue Stunde bezeichnet die Phase der Dämmerung, in der die Sonne bereits unter dem Horizont steht, der Himmel aber noch nicht schwarz geworden ist. Das verbliebene natürliche Licht lässt ihn intensiv blau erscheinen.
Bildstrecke // Studio DL // Emmen (NL)
Für die Lichtfotografie entsteht dadurch ein entscheidender Vorteil
Natürliches Umgebungslicht und künstliche Beleuchtung erreichen für kurze Zeit ein Verhältnis, in dem beide gleichzeitig sichtbar werden.
Am Tag würde die künstliche Beleuchtung teilweise untergehen. In völliger Dunkelheit dagegen würden beleuchtete Flächen und Lichtquellen schnell dominieren, während ihre architektonische Umgebung verschwindet. Während der blauen Stunde können Himmel, Architektur, Landschaft und künstliches Licht gemeinsam im Bild bestehen. Genau diesen Zusammenhang beschreibt auch das ARD-Wetterkompetenzzentrum: Rund um diese Dämmerungsphase können Himmel und Gebäude- bzw. Straßenbeleuchtung ähnliche Helligkeitsbereiche erreichen.
Der Name ist dabei etwas irreführend. Eine „Stunde“ dauert sie keineswegs immer. In Mitteleuropa liegt die eigentliche blaue Phase je nach Jahreszeit und Definition häufig eher im Bereich von ungefähr 30 bis 50 Minuten. Für meine Aufnahmen bedeutete das: Wenn das Licht stimmt, muss alles stimmen.
Ein Auftrag bestand selten darin, an einem Gebäude anzukommen, das Stativ aufzustellen und auf den Auslöser zu drücken.
Gerade bei größeren öffentlichen Räumen kann eine einzige blaue Stunde deshalb sehr kurz werden. Mehrere Perspektiven, unterschiedliche Objekte und Detailaufnahmen konkurrieren um dasselbe kleine Zeitfenster. Bei meinen Produktionen für Studio DL war ich deshalb häufig zwei bis drei Tage vor Ort. Dadurch standen mir vier bis sechs morgendliche beziehungsweise abendliche Dämmerungsphasen zur Verfügung. Besonders die Sommermonate waren dafür geeignet. Die längere Dämmerung verschaffte etwas mehr Arbeitszeit – und bei aufwendigen Produktionen können zusätzliche Minuten entscheidend sein.
Bildstrecke // Studio DL // Sartorius AG Göttingen
EINE AUFNAHME BESTEHT AUS MEHREREN AUFNAHMEN.
Der Helligkeitsumfang solcher Motive ist enorm. Im selben Bild befinden sich ein vergleichsweise dunkler Himmel, unbeleuchtete Gebäudeteile, aufgehellte Fassaden, reflektierende Materialien und sehr helle Leuchten.
Eine einzelne Belichtung kann diesen Umfang häufig nicht so wiedergeben, wie ihn das menschliche Auge vor Ort wahrnimmt.
Deshalb entstanden meine Motive in der Regel als Belichtungsreihen. Von derselben Kameraposition wurden mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungen angefertigt.
Diese Ausgangsbilder wurden anschließend in der Postproduktion zu HDR-Aufnahmen zusammengeführt.
Mein Ziel war dabei ausdrücklich kein künstlicher HDR-Look. Im Gegenteil.
DAS ERGEBNIS SOLLTE AUSSEHEN, WIE DER MENSCH DEN ORT WAHRGENOMMEN HAT.
Ich bezeichne das als augenrealistische HDR-Fotografie. Nicht der technische Effekt sollte sichtbar werden. Die Technik sollte ermöglichen, dass Licht, Materialien, Architektur und Umgebung in einem natürlichen Verhältnis zueinander erscheinen.
Bildstrecke // Studio DL // Utrecht (NL) Jaarbeursplein
NACH DER AUFNAHME BEGINNT DER ZWEITE TEIL DER ARBEIT.
Mit dem Zusammenführen der Belichtungsreihen war ein Bild allerdings noch lange nicht fertig. Ein erheblicher Teil der Arbeit fand anschließend in der Postproduktion statt.
Dabei ging es zunächst um Dinge, die banal erscheinen können: herumliegender Müll, Zigarettenkippen oder andere zufällige Elemente, die am Tag der Aufnahme vorhanden waren.
Danach wurde es aufwendiger: Störende Fahrzeuge konnten vollständig aus einer Aufnahme entfernt werden. Gleiches galt für störende Bänke, Graffiti oder andere Elemente, die vom eigentlichen Lichtkonzept ablenkten.
War eine einzelne Leuchte während der Aufnahme ausgefallen, konnte sie in der Retusche durch die Darstellung einer funktionierenden Leuchte ersetzt werden.
Bei Detailaufnahmen ging die Bearbeitung teilweise erheblich weiter. Glas- oder Kunststoffflächen wurden vollständig bereinigt, Spiegelungen kontrolliert und störende Oberflächenstrukturen entfernt.
Dabei galt für mich immer derselbe Grundsatz: Die Retusche durfte das Projekt nicht neu erfinden. Sie sollte sichtbar machen, was fotografiert werden sollte.
Bildstrecke // Studio DL // Brunssum (NL) Lindeplein
FOTOGRAFIE ALS TEIL DER AUSSENDARSTELLUNG.
Nach Abschluss der Bearbeitung mussten die Bilder nicht nur gut aussehen. Sie mussten funktionieren.
Studio DL konnte die Aufnahmen anschließend auf der eigenen Website, in sozialen Medien, für Präsentationen und Wettbewerbsdokumentationen sowie im Print einsetzen. Das ist ein Aspekt professioneller Fotografie, der häufig unterschätzt wird.
Ein Bild entsteht nicht für Photoshop. Es entsteht für seine spätere Verwendung.
Deshalb müssen Auflösung, Ausschnitt, Perspektive, Bildwirkung und Bearbeitung bereits berücksichtigen, dass aus derselben Produktion später ein großes Titelmotiv, ein Website-Banner, ein Social-Media-Post oder eine Abbildung innerhalb einer Publikation werden kann.
Meine Aufnahmen wurden unter anderem auch in der Fachpublikation LICHT eingesetzt – sowohl innerhalb redaktioneller Beiträge als auch als Titelmotiv.
Damit wurde die Fotografie selbst zu einem Bestandteil der Außendarstellung von Studio DL.
Bildstrecke // Studio DL // HILDESHEIM WELTERBEBAND
WENN DIE BILDER DAS PROJEKT VERTRETEN.
Besonders deutlich wird die Bedeutung einer solchen Projektdokumentation bei Wettbewerben und Auszeichnungen. Studio DL wurde mit mehreren der von mir fotografierten Projekte ausgezeichnet oder für Preise nominiert.
Das UNESCO-Welterbeband Hildesheim erhielt 2015 den Deutschen Lichtdesign-Preis in der Kategorie „Außenbeleuchtung / Öffentliche Bereiche“. Studio DL nennt auf seiner Projektseite für dieses Projekt ausdrücklich Dirk-Andre Betz, KAFFEE // MILCH // ZUCKER als Fotografen.
2017 folgte eine Nominierung für den Universitäts-Campus Marienburger Domäne in Hildesheim. 2018 wurden sowohl der Welfengarten Hannover als auch das Kinderkrankenhaus Auf der Bult für den Deutschen Lichtdesign-Preis nominiert. Für den Campus Sartorius AG in Göttingen verzeichnet Studio DL außerdem eine Honorable Mention bei den LIT Awards 2020; das Forum Sartorius wurde 2021 für den Deutschen Lichtdesign Preis in der Kategorie Büro/Verwaltung nominiert.
Weitere dokumentierte Auszeichnungen zeigen, welche Qualität diese Projekte besitzen: Das Beleuchtungsprojekt in Emmen erhielt 2016 den Publikumspreis des City.People.Light Award, der Hildesheimer Mariendom war Teil eines Projekts, das im selben Jahr mit dem Niedersächsischen Staatspreis für Architektur verbunden war.
Bei solchen Wettbewerben kann eine Jury den fertiggestellten Ort nicht zwangsläufig selbst zu genau dem Zeitpunkt erleben, an dem seine Lichtwirkung optimal sichtbar wird.
Die Fotografie muss deshalb einen realen dreidimensionalen Raum, seine Atmosphäre und sein Licht in ein zweidimensionales Medium übersetzen. Das macht sie weit mehr als zu einer bloßen Dokumentation.
Bildstrecke // Studio DL // HILDESHEIM WELTERBEBAND
LICHT FOTOGRAFIEREN HEISST, LICHT VERSTEHEN.
Am Ende besteht die Herausforderung dieser Fotografie nicht darin, ein Gebäude nachts scharf abzubilden.
Man muss verstehen, was der Lichtplaner zeigen wollte.
- Wo führt das Licht?
- Welche Fläche soll hervortreten?
- Welche Architektur soll zurückgenommen werden?
- Wie verändert sich ein Platz durch die Beleuchtung?
- Welche Beziehung entsteht zwischen künstlichem Licht und dem noch vorhandenen natürlichen Licht?
Beim Hildesheimer Welterbeband beispielsweise dienen Lichtstelen und Lichtlinien nicht nur der Beleuchtung. Sie unterstützen die Wegeführung und verbinden die einzelnen Welterbestätten visuell miteinander. Der Mariendom wiederum sollte als Mittelpunkt des Domhofes hervorgehoben werden, ohne durch übermäßige Beleuchtung seine architektonische Wirkung zu verlieren.
Genau das muss anschließend auch auf einem Foto erkennbar sein.
Bildstrecke // Studio DL // HILDESHEIM WELTERBEBAND
44 MINUTEN KÖNNEN ÜBER EIN BILD ENTSCHEIDEN.
Vielleicht ist das der Teil dieser Arbeit, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist.
Man kann einen Standort zwei Tage vorbereiten. Man kann Perspektiven planen, Technik aufbauen und Aufnahmen vorbereiten. Aber irgendwann beginnt dieses kurze Zeitfenster. Der Himmel verliert langsam seine Tageshelligkeit. Die künstliche Beleuchtung gewinnt an Wirkung. Für einen begrenzten Zeitraum stehen beide in einem Verhältnis, das sich fotografisch perfekt ergänzen kann.
Dann muss alles funktionieren. Kamera. Stativ. Perspektive. Belichtung. Licht. Wetter. Timing. Und wenige Minuten später sieht derselbe Ort bereits vollkommen anders aus.
Professionelle Lichtfotografie ist deshalb für mich eine Verbindung aus Planung, Technik, Erfahrung und einem sehr genauen Blick für den richtigen Moment.













































